Das Manuskript „Allgäu Sixties“ von Peter M. Roese

Die Beatles, die Stones, der Minirock, die Pille, die Emanzipation der Frau, die freie Liebe, der Vietnamkrieg, der Schah und seine Farah Diba, Studentenproteste … dies sind einige der Schlagwörter aus jenen Jahren, die als die „60er“ in die Geschichte eingingen. Mit der Aufarbeitung dieser turbulenten Zeit beschäftigen sich fast ausschließlich Intellektuelle, die heute als Lehrer, Rechtsanwälte, Manage, Ärzte usw. tätig sind. Die Mehrheit der jungen Leute von damals kommt jedoch kaum zu Wort. Das soll sich mit „Allgäu Sixties“ ändern, denn in dieser Gruppe befanden sich viele, die gegen Eltern, Lehrer und Lehrherren aufmuckten, denn nicht nur unter den Talaren der Uniprofessoren war der Mief von Tausend Jahren …

Der Protagonist Rossner hat eine neue Flamme. Was ist sie aber auch süß, die kleine, blonde Susi … alleine schon der lockende Augenaufschlag! Das weckt zunächst einmal Beschützerinstinkte bei Rossner, dann kommen allerdings noch andere Gefühle auf … Susi macht den Vorschlag, daß man Sylvester doch in Oberstdorf feern könnte. Sie hat entfernte Verwande in Tiefenbach bei Oberstdorf, bei denen könnte man übernachten, da hätten ihre Eltern auch sicher nichts dagegen. Ihr Cousin Ralf, der ein Auto besitzt, würde sie mitnehmen. Das mit Ralf gefällt Rossner natürlich weniger …Hier ein Ausschnitt aus dem Manuskript:

… Susi sitzt vorne neben Ralf. Sie scheint nur Augen für Ihn zu haben. Also doch, denkt Rossner, ich hatte von Anfang an so ein komisches Gefühl mit dem Ralf … Kurz vor Oberstdorf geht es rechts nach Tiefenbach. Vor einem stattlichen Bauernhof in typisch alpenländischem Stil halten Sie an. Das Holz der Wände ist sozusagen sonnenverbrannt. Berge von Schnee sind rundherum aufgetürmt. In der nun einsetzenden Dämmerung sind die umliegenden Berge mit ihrem weißen Kleid in ein zauberhaftes Licht getaucht.

„Wir sind da!“ ruft Susi fröhlich aus.

Da tritt auch schon eine Frau aus der Haustüre.

„Das ist meine Tante Maria“, stellt Susi die mütterlich aussehende Bäurin vor, während sie ihr um den Hals fällt.

„Mei Gustl is no im Stall. Zehn Küh ham mer, d’müaßn versorgt wern.“

Da kommt der Gustl auch schon herbeigeeilt, um die Gäste zu begrüßen. Während die Hausfrau Kaffee aufsetzt und Susi und Ralf nach dem Befinden der entfernten Verwandtschaft in Kaufbeuren ausfragt, sieht Rossner sich in der holzgetäfelten Bauernstube um. Die massiven Möbel scheinen selbstgeschnitzt zu sein. Schön ist auch der kugelige Kachelofen mit der Sitzbank rundherum. Obendrüber ist ein Gestell mit Brettern, wo die Kinder in sehr kalten Winternächten schlafen dürfen. Der Herrgottswinkel mit dem gekreuzigten Heiland fehlt ebenfalls nicht. Richtig heimelig ist es hier, geht es Rossner durch den Kopf.

Auf einmal hat es Susi eilig wegzukommen.

„Viel Spaß“, wünscht Maria, „i leg den Haustürschlüssel unter d’Fußmattn.“

Ralf will unbedingt mit dem Auto zu dem Hotel fahren wo der Sylvestertanz stattfindet. Als sie ankommen ist schon ganz schön was los. Susi und Ralf tanzen eng umschlungen. Verdammt, denen werde ich es zeigen, nimmt sich Rossner vor. Er pirscht sich an eine dralle Dunkelhaarige heran. Sie heißt Hildegard, ist nicht sein Typ, genausowenig wie die Umtata-Musik. Die wilde Hilde, die eine wahre Walküre ist, preßt Rossners Gesicht in ihren gewaltigen Ausschnitt, daß er glaubt, er wäre zwischen zwei von der Sonne erwärmten Felswänden eingeklemmt.

„Kommst du mit mir?“ säuselt sie ihm zu vorgerückter Stunde ins Ohr. „Ich bin alleine, mein Mann hat Dienst bei der Bahn.“

Na, wenn das mal kein Angebot ist – Sympathie hin oder her! Aber halt! Rossner hat eine eiserne Regel für sich selbst aufgestellt: Penne nie mit einer verheirateten Frau! Also bleibt ihm nur der Alkohol. Deshalb bekommt er vom Jahreswechsel und dem Feuerwerk nicht allzuviel mit …

Wer wissen will wie es weitergeht muß sich noch etwas gedulden. Das alles spielt sich übrigens an Sylvester 1966 ab. Der Bauernhof hat eine Metamorphose durchgemacht, denn heute befindet sich dort das Hotel Bergruh.

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